Hirtenpfad und Engelsgasse

Der Mannheimer Weihnachtsmarkt in mehr als vier Jahrzehnten

Glühweinduft, handgearbeiteter Christbaumschmuck, Kerzenlichter und Karussellfahren zu weihnachtlichen Klängen: Wer Anfang der siebziger Jahre über einen Weihnachtsmarkt bummeln möchte, der muss ziemlich weit fahren. Nur wenige große Weihnachtsmärkte gibt es überhaupt in Deutschland. Zu den bekanntesten zählt der Nürnberger Christkindlesmarkt. Da erwacht auch in Mannheim der Wunsch nach weihnachtlichem Ambiente, und am 6. Dezember 1972 eröffnet Bürgermeister Dr. Erhard Bruche auf dem Paradeplatz den neuen Mannheimer Weihnachtsmarkt.

Gegen 10 Uhr warten Ehrengäste und Besucher gespannt auf das Startsignal: Der Nikolaus überreicht Bürgermeister Dr. Erhard Bruche eine mit Süßigkeiten bestückte Rute. Beim Rundgang durch „Engelsgasse“ und „Nikolausstraße“ steigt der Duft von Lebkuchen und gebrannten Mandeln, Brathendln und Zuckerwatte auf. 100 rustikale und liebevoll dekorierte Holzhütten sind auf dem Paradeplatz rund um den Grupello-Brunnen aufgestellt und bieten eine bunte Welt an Geschenkartikeln und Christbaumschmuck – Dinge, die man „im Vorübergehen“ und zu fairen Preisen erwerben kann.

Schon seit Mitte des 19. Jahrhunderts wurde in Mannheim ein „Christkindlsmarkt“ durchgeführt. Die Stadt hatte 1872 nur 40.000 Einwohner. Der Markt begann 14 Tage vor Weihnachten und endete an Heiligabend. Ursprünglich fand er auf dem Paradeplatz statt, später auf den Planken, dann auf dem Zeughausplatz, dem heutigen Toulonplatz. Nach dem ersten Weltkrieg wurde die „Christkindlmess“ auf den Alten Messplatz verlegt, kam aber nicht mehr so richtig in Gang und verschwand schließlich ganz. Jahre später war der Rosengarten in den Jahren 1948 bis 1950 Schauplatz eines Weihnachtsmarkts. In jenen Jahren dienten diese „Weihnachtsmessen“ in erster Linie den Einzelhändlern als Möglichkeit, nach Krieg und Zerstörung ihre Waren zu zeigen. Die Renaissance des Weihnachtsmarkts soll nun den Charakter der Stadt Mannheim als Einkaufsstadt betonen.

Buntes Weihnachtstreiben mit Herz

Mit Beschluss vom 8. Mai 1972 gibt der Hauptausschuss des Gemeinderates den Paradeplatz für den Weihnachtsmarkt frei und beauftragt die Mannheimer Ausstellungsgesellschaft, später Mannheimer Weihnachtsmarkt GmbH (MWG), mit der Durchführung. „Am 28. September 1972 stand ein wenig Weihnachtsmarkt schon auf dem Maimarktgelände“, verrät der Mannheimer Anzeiger geheimnisvoll. Des Rätsels Lösung: Weihnachtsmarkt-Chef Kurt Langer zeigt Vertretern der Feuerwehr und des Stadtplanungsamts den Prototyp der Verkaufshütten, die er im Schwarzwald hat fertigen lassen.

Geschenkartikel und Kunsthandwerk aus aller Welt, Antiquitäten, Schmuck und Spielwaren, aber auch Tischdecken, Felle, Strickwaren und natürlich Weihnachtliches aller Art sollen im Herzen der Quadrate die Bürger in weihnachtliche Kauflust versetzen. Doch die Stadt Mannheim hat dabei anderes im Blick als nur andere große Weihnachtsmärkte nachzuahmen oder rein kommerzielle Aspekte in den Vordergrund zu rücken: „Die Stadt will Besonderheiten anstreben, die einem Mannheimer Weihnachtsmarkt gerecht werden.“ Kulturelle Impulse sind erwünscht, die zur Tradition wachsen sollen. Im Klartext: Ein Kulturprogramm und vielfältige interaktive Angebote für die Bevölkerung – einen Weihnachtsmarkt zum Mitmachen also.

Bereits der erste Mannheimer Weihnachtsmarkt 1972 wird ein voller Erfolg. Bürger und Medien nehmen die Hüttenstadt mit ihren Attraktionen freudig an. Die Klasse 8c des Elisabeth-Gymnasiums macht den Weihnachtsmarkt sogar zum Aufsatzthema. Am 23. Dezember steht fest: Drei Viertel der Aussteller sind zufrieden und fest entschlossen, auch im nächsten Jahr dabei zu sein. Der Grundstein für die Tradition ist gelegt.

Am Wahrzeichen Mannheims

Als 1977 unter dem Marktplatz G1 eine Tiefgarage gebaut werden soll und der Wochenmarkt daher auf den Paradeplatz umziehen muss, wird der Weihnachtsmarkt auf den Friedrichsplatz am Wasserturm verlegt. Wofür sich am Anfang niemand begeistern kann, wird rasch zum Erfolg: Bereits nach dem ersten Weihnachtsmarkt am Wasserturm 1978 sind sich alle einig, dass es keinen schöneren Platz und keine bessere Atmosphäre geben könne als inmitten eines der größten Jugendstil-Ensembles in Europa.

Immer mehr Händler bewerben sich um einen Standplatz. Am Paradeplatz haben nur 112 Hütten Platz, am Wasserturm wächst die Anzahl der Hütten bald von 140 auf 200. Passend zum neuen Ambiente entwirft die Mannheimer Künstlerin Anita Büscher-Harling ein Weihnachtsmarkt-Plakat, an dem die MWG die Verwertungsrechte erwirbt. Das Motiv ziert seither alle Schriftstücke, die mit dem Weihnachtsmarkt am Wasserturm in Verbindung stehen.

Der Weihnachtsmarkt bleibt ein Ort für Menschen mit Ideen. Ab 1979 können Hobbybastler ihre selbstgebastelten Krippen in zwei Hütten präsentieren und sich dem Wettbewerb stellen. Die Vitrine mit den 24 Krippen gehört zu den Hauptattraktionen des Weihnachtsmarkts 1979. Der Krippenwettbewerb 1987 und 1988 wird mit Schulklassen und in Zusammenarbeit mit dem Mannheimer Morgen durchgeführt. Insgesamt werden mehr als 1.000 selbstgebastelte Weihnachtskrippen eingesandt. 1984 können sich Hobbyfotografen, 2001 Hobby-Autoren einem Wettbewerb stellen. 1986 findet ein Weihnachtstaler aus Feinsilber großes Interesse, eine Sonderprägung der Stadtsparkasse, die auf der einen Seite die Christuskirche zum 75-jährigen Bestehen, auf der anderen Seite den Weihnachtsmarkt am Wasserturm zeigt. Seit mehr als 40 Jahren ist der Weihnachtsmarkt am Wasserturm beliebter vorweihnachtlicher Treffpunkt der Menschen in der Metropolregion Rhein-Neckar und darüber hinaus.

Besucher von weit her

Die Besucher kommen aus einem Umkreis von 150 Kilometern. Zahlreiche Busunternehmen reisen aus anderen Bundesländern, aus Österreich, Italien, Ungarn, der Schweiz, den Niederlanden, Frankreich und sogar aus England an. Für den hohen Bekanntheitsgrad sorgen umfangreiche Werbemaßnahmen der MWG wie Insertion, Außenwerbung und Bus-Marketing. Trotz einer wachsenden Anzahl kleinerer Weihnachtsmärkte im Umland behauptet sich der Mannheimer Weihnachtsmarkt am Wasserturm mit seinem unverwechselbaren Flair und seiner ausgewogenen Mischung aus traditionellem Weihnachtsschmuck, Kunsthandwerk und immer wieder neuen Geschenkideen und vielen Überraschungen – wie beispielsweise 2012 die rund 20 Meter hohe Weihnachtspyramide. Hier werden auf zwei Ebenen Speisen und Getränke angeboten, die dritte Etage ist eine Aussichtsplattform mit freier Sicht auf lebensgroße Weihnachtsfiguren, auf den Wasserturm und den Weihnachtsmarkt am Wasserturm.

„Informieren und Helfen“

Etwa ein Sechstel der rund 200 Aussteller ist zum ersten Mal dabei, ein Drittel kennt sein Stammpublikum schon seit Jahrzehnten. Da gibt es jedes Jahr viel „miteinander zu erzählen“ – unter Händlern, Besuchern, anderen Besuchern und der ganzen Weihnachtsmarkt-Familie. Seit den 1990er Jahren ist der Kindernachmittag Tradition: Kinder basteln gemeinsam,  bekommen Süßigkeiten vom Nikolaus und spenden ihre Bastelarbeiten – und oft auch gebrauchtes Spielzeug, um damit anderen Kindern eine Freude zu machen. Die Idee zum beliebten Sonderstand „Informieren und Helfen“ hatten 1987 die Landfrauen. Hier bieten Ehrenamtliche im täglichen Wechsel selbstgemachte Bastel- und Handarbeiten, Marmeladen und Weihnachtsgutsel an und stellen ihre Institutionen vor. Der Erlös kommt sozialen Projekten in Mannheim und in der Dritten Welt zugute.